Mitte März kam Susanne eines Mittags total aufgeregt zu uns in den Paddock gelaufen. In ihrer Hand hielt sie ein weißes Stück Papier, mit dem sie hektisch herumwedelte. Ich quittierte ihre Aufregung mit einem abfälligen Schnauben - was konnte wichtiger sein als eine gefüllte Heuraufe und ein guter Kumpel, der mit ab und an den Rücken krault? Anscheinend war dieser Brief eine wichtige Sache, denn er wurde uns sogar vorgelesen.
Hey, Moment mal! Da ging es ja um MICH! Na sowas, eine Einladung! "Aufgrund bundesweit herausragender Leistungen Ihrer Stute Gentle Princess of Sunlight laden wir Sie zur Verleihung eines Ehrenpreises zur Bundeszuchtschau nach Alsfeld ein." Einen kurzen Moment grübelte ich, welche herausragenden Leistungen da wohl gemeint waren. Mein Rekord im Möhren-aus-Titans-Futterkrippe-klauen? Oder gar meine Verdienste als ruhiges und gelassenes Handpferd an Titans Seite, das ihn vor jedem Geist durch wilde Bocksprünge warnte? Vielleicht hatte ich auch den aktuellen Rekord bei Wer-fällt-beim-Galopp-im-Schnee-am-häufigsten-hin? gebrochen? Neugierig schlich ich mich näher an Susanne heran, die mir voller Stolz den Rücken kraulte. Hmmm, prima, bei so vielen Streicheleinheiten war mir fast egal, was ich vollbracht haben sollte. Auf meinen fragenden Blick hin erklärte sie mir aber, dass ich als gut geratenes Pferd eben einfach nochmal gezeigt werden sollte. Na, das war ja wohl keine Frage!
In den verbleibenden Wochen bis zur Schau wurde ich tatsächlich jeden Tag gebürstet und geputzt, angeblich sah ich in meinem schicken Winterfell nicht sonderlich fein aus. Susanne und Tanja haben auch einen Nachmittag damit verbracht, meiner Mama und mir die Schweife Haar für Haar zu sortieren. Ich fühlte mich wie eine Königin, das musste ja doch was besonderes sein bei dieser Schau in Alsfeld.
Am 5.April war es soweit. Am frühen Morgen klappten Susanne und Peter die Zauberbox auf, die Mama und mich schon einmal im September an einen anderen Ort gebracht hatte. Drinnen gab es wieder leckeres Frühstück, also nichts wie rein!!! Wie erwartet waren wir an einem ganz anderen Ort, als sich die hintere Wand der Zauberkiste nach fast zwei Stunden Gewackel wieder öffnete. Uiiii, was war denn das? Laute Musik schallte uns entgegen, und es waren gaaaaanz viele andere Pferde hier. Komisch, schon wieder alle bunt und scheckig, außer uns. Waren wir hier richtig?
Susanne und ich gingen vor, Mama folgte uns mit Tanja an ihrer Seite. Eine riesige Tür wurde geöffnet, hinter der rechts und links viele vergitterte Abteilungen waren. Darin standen lauter Pferde! Die Ärmsten, ob das hier ein Gefängnis war? Was hatten die wohl angestellt? Unsere Menschen führten uns an einigen sogenannten Boxen vorbei, vor einer Box zögerte Mama, weil das Pferd darin ihr zuwieherte. Susanne sagte, das sei mein Papa. Schick sah er aus, aber auch er war in einer Einzelzelle eingesperrt. Wenige Meter weiter öffnete Susanne eine leere Box und schickte mich hinein. Tanja brachte Mama, und Rums! war die Tür zu. Na toll. Stroh bis zum Bauch, an die hohe Futterkrippe kam ich kaum ran und statt eines Wassereimers hing da nur ein winziges Schälchen an der Wand, ebenfalls viel zu hoch für mich! Da blieb vor lauter Aufregung nur Mamas Milchbar.
Vor unserer Zelle liefen unzählige Menschen auf und ab. Ab und zu blieben sie auch mal stehen, schauten zu uns herein und fragten sich, warum wir denn keine Flecken haben. Erschöpft ließ ich mich ins weiche Stroh fallen und hielt erst einmal Siesta. Ich würde schon noch früh genug erfahren, was das hier zu bedeuten hatte.
Nach einiger Zeit kamen Susanne und Tanja, halfterten uns auf und begannen uns zu putzen. Ich durfte dafür raus und stand nun vor unserer Box mitten im Gang. Toll, was es hier alles zu sehen gab! Viele Pferde, Menschen und aus den Lautsprechern kam Musik. Ob das hier ein Fest für Pferde war? Auf Hochglanz poliert - soweit das mit unserem noch immer vorhandenen Winterfell möglich war - führten unsere Menschen uns wieder aus dem Stall um ein riesiges Gebäude herum. An der Rückseite war eine Öffnung, durch die wir hineingingen. Ein großer Raum mit sandigem Boden lag vor uns. Huch! Was sollte denn der Lärm? An der einen Seite saßen viele Menschen und machten Krach, indem sie ihre Hände gegeneinander schlugen. Erschrocken hüpfte ich Susanne auf den Fuß, aber sie ging unbeeindruckt weiter, und auch Mama ließ sich durch die Menschen und den Lärm nicht stören.
Neben einer bunten Stange musste ich mich hinstellen, während Mama in der Mitte wartete. Eine Frau erklärte den Zuschauern über Lautsprecher, wer meine Eltern sind und warum ich nicht genauso bunt bin wie alle anderen Pferde hier. Und sie sagte auch, dass ich trotzdem einen Preis bekommen sollte, weil die Farbe ja nicht alles ist. Na endlich sah das mal jemand ein! Nachdem Susanne mich eine Runde im Trab geführt hatte, wurde Mama und ich losgemacht und durften mal ordentlich durch den Sand düsen. Heißa, was für ein Spaß! Irgend jemand drehte die Musik so richtig laut auf, da machte das rasante Galoppieren doppelten Spaß! Weil die Zuschauer auf der Tribüne so begeistert klatschten, zeigte ich noch ein paar meiner besonders lustigen Bocksprünge und trabte dann in Richtung Menschen, die uns offensichtlich wieder einfangen wollten. So kamen wir wieder in unsere Box.
Nach einer langen Mittagspause mit etwas Heu und ein paar leckeren Möhren wurden wir ein weiteres Mal aus Box geholt, gebürstet und in die Halle geführt. Jatzt waren außer uns noch unendlich viele andere Pferde da. Lauter Schecken! Na sowas! Ordentlich in Reih und Glied mussten wir uns mitten in der Halle aufstellen. Nacheinander wurden wir nach vorne gerufen und unsere Menschen bekamen etwas in die Hand gedrückt. So ein Mann fummelte derweil an meinem Halfter herum und befestigte ein goldenes Flatterding daran. Hey, das wedelte fröhlich, wenn ich den Kopf schüttelte!
Schließlich wurde wieder Musik gespielt und wir durften alle neben unseren Menschen noch einmal außen herum durch den Sand traben, während die Zuschauer wieder fürchterlichen Krach machten. Susanne fluchte ganz schön, weil ich sie vor lauter Begeisterung fast über den Haufen rannte, während sie in einer Hand noch so ein glitzerndes Teil hielt und versuchte, neben mir herzulaufen.
Ein weiteres Mal kamen wir in die Zelle im großen Pferdegefängnis und bekamen noch ein paar Möhren. So konnte es meinetwegen gerne weitergehen! Während ich noch überlegte, wie lange wir hier wohl bleiben würden, kamen schon wieder unsere Menschen herbei. Halfter drauf und raus - da stand ja wieder unsere Zauberkiste! Eigentlich keine schlechte Idee, sich noch vor der Nacht wieder nach Hause zaubern zu lassen, um im eigenen Stall mit viel Platz zu schlafen. Geschwind kletterten Mama und ich hinein und freuten uns schon darauf, bald wieder draußen bei Titan an der Heuraufe zu stehen.