Gegen Ende des Winters stand es fest: Diesen Sommer reiten wir in den Osten! Alle anderen Himmelsrichtungen hatten wir schon unter die Hufe genommen, waren jedoch noch nie in die neuen Bundesländer geritten, die nun, nach 15 Jahren, gar nicht mehr so neu waren. Aber wohin genau? Auf der Deutschlandkarte stellten wir fest, dass Eisenach ziemlich exakt in östlicher Richtung von uns aus liegt, und die Wartburg als Endziel für einen Wanderritt hörte sich ebenfalls nicht schlecht an. So besorgten wir das entsprechende Kartenmaterial, um nahezu auf den Spuren Martin Luthers wandeln zu können. 6 Freizeitkarten im Maßstab 1:50000 brauchten wir für die Strecke. Während es draußen mal wieder schneite, legten wir die Karten auf dem Fußboden aneinander und zeichneten die Luftlinie mit Bleistift ein. Größere Hindernisse lagen nicht auf dem Weg, Städte wie Alsfeld oder Bad Hersfeld konnten wir am Rande umgehen, nur die A5 und die A7 mussten wir überwinden. Auf der großen Deutschlandkarte (1: 800 000) entsprach unsere Strecke 21 cm Luftlinie, was einen Schnitt von knapp 3cm, also 24 km Luftlinie pro Tag bedeutete. Nicht gerade wenig, aber sicher zu schaffen, dachten wir uns und packten die Karten wieder ein, nachdem wir grob die Etappenziele für 7 Tage notiert hatten.
Da wir keine Quartiere vorbestellen wollten, blieb es bis zu unserem Abritt bei dieser groben Planung. Man konnte ja nie wissen, wie weit man an einem Tag kam und ob der tatsächliche Weg nicht einmal von der geplanten Strecke abweichen würde. Je nach Geländeschwierigkeiten, Steigungen und Wegbeschaffenheit waren nach unserer bisherigen Erfahrung die unterschiedlichsten Tagesentfernungen möglich.
Im Frühjahr unterzogen wir die Pferde dem üblichen Ausdauertraining, erst ohne, dann schließlich auch mit Gepäck und voller Ausrüstung. Bei schlechtem Wetter war Traben und Galoppieren nach der Uhr auf dem Reitplatz angesagt. Mitunter etwas langweilig, aber die Hotties sollten schließlich fit sein. Grasslady, eine 12jährige Vollblutstute und Titan, ein 24jähriger Reitpony-Wallach, kannten das Procedere schon aus den Vorjahren und wurden immer eifriger, je mehr Gepäck an den Sattel kam. Für mich und unseren Hund bestand die Vorbereitung in regelmäßigen morgendlichen Joggingrunden, die dem Hund sichtlich Spaß machten.
Die ersten beiden Wochen der Sommerferien verbrachte ich mit langen Schritt- und Trabausritten, bei denen mich oft eine meiner Reitschülerinnen begleitete. Für mich eine Trainingserleichterung, für die Mädchen eine schöne Abwechslung zu den Reitstunden auf dem Platz. Tanja konnte mich leider nur alle zwei Wochen beim Training unterstützen, da sie beruflich bedingt nur alle 14 Tage im Westerwald ist.
Beim letzten Langstreckentraining am Wochenende vor dem Abritt passierte das Unglaubliche: Nach viereinhalb Jahren mit Easyboots verlor Grasslady in einem sumpfigen Graben einen hinteren Schuh. Bis zum Sprunggelenk war sie eingesackt und kam ohne den Hufschuh wieder heraus. Diesen Verlust wollten wir nicht hinnehmen. Wir banden die Pferde am nächsten Baum an und machten uns auf die Suche nach dem verlorenen Schuh. Bis zum Oberarm tauchten wir abwechselnd mit den Händen in die noch erkennbaren Hufspuren, um den wertvollen Easyboot zu retten. Hämisch summend umschwirrten uns unzählige Mücken und stachen gierig zu, während wir im Schlamm wühlten. Ohne Erfolg, der Schuh blieb verschwunden. Wir beschlossen, zuerst einmal auf möglichst weichen Wegen nach Hause zu reiten um gegen Abend mit dem Auto an die Stelle zu fahren und nach dem Schuh zu suchen. So schnell wollten wir nicht aufgeben! Um es kurz zu machen: Wir fanden den Schuh nicht, ernteten aber zur Belohnung für unsere Bemühungen unzählige weitere Mückenstiche. Völlig verzweifelt rief ich Theo Rüspeler, den "Hufschuhdoktor" an. Er versprach mir, gleich am Montag ein Paar neue Easyboots für Grasslady zur Post zu bringen. Damit war zwar das Problem fürs Erste gelöst, doch es tat mir trotzdem sehr Leid, dass wir gerade einen der guten neu besohlten Schuhe verloren hatten. Durch den aufgeklebten Kunststoffbeschlag waren die Easyboots noch griffiger und stabiler geworden.
Die Hufschuhe kamen, ich passte sie an und schon war es Freitagabend. Tanja reiste mit Sack und Pack an, nun ging es daran, alles in den Packtaschen zu verstauen und einen letzten Testritt zu unternehmen. Auch hatten wir die Strecke für den ersten Tag noch nicht geplant. Ein letztes Mal für unbekannte Zeit duschen, Haare waschen und was Vernünftiges essen. Eine Freundin wünschte uns um halb zehn eine gute Nacht mit mehr als drei Stunden Schlaf - letztendlich wurden es fast dreieinhalb. Um zwei Uhr war tatsächlich ALLES gepackt, kontrolliert, gleichmäßig verteilt und es musste nur noch Morgen werden, damit wir starten konnten.
1. Tag Samstag, 31.7.2004 Hellenhahn - Oberlemp
Um viertel nach fünf klingelt der Wecker. Während Tanja die Pferde von der Weide holt, decke ich den Frühstückstisch und setze Kaffee auf. Erfreut vertilgen die Pferde ihren Hafer. Samra läuft mal mit nach draußen, besinnt sich schließlich aber eines Besseren und betreibt noch ein wenig Augenpflege in ihrem Körbchen, während wir die Pferde putzen und satteln. Um sieben Uhr bringt mein Schwiegervater frische Brötchen, wir können frühstücken, während die Pferde das erste Verdauungsschläfchen halten. Um Punkt acht Uhr sitzen wir im Sattel, mein Mann Peter macht noch schnell ein Bild von uns.

Die erste Stunde reiten wir in bekanntem Gelände, die Pferde schreiten frisch voran. Vorbei an der Krombachtalsperre geht es nun über die Landesgrenze nach Hessen. Nach gut zwei Stunden machen wir eine kleine Pause. Auf einer saftigen Wiese lassen wir die Pferde grasen. Samra legt sich hechelnd ins kühle Gras. Schon um halb elf ist es richtig heiß, die Wälder sind so licht, dass die Sonne von oben auf uns herab brennt.

In Beilstein kommen wir an einem Gasthaus vorbei. Unsere etwas ungewöhnliche Bestellung "Einen Eimer Wasser und zwei Cola, bitte!" erfüllt der Wirt prompt und fragt nach dem Woher und Wohin und was für Pferde das denn sind. Als ich ihm stolz erzähle, dass Titan schon 24 ist, schmeichelt er: "Da ist das Pferd ja viel älter als seine Reiterin!" und ich muss grinsen. So kurz vor dem 30.Geburtstag tut das richtig gut.

Frisch gestärkt nehmen wir die weitere Durchquerung des Ortes und die Suche nach einem Platz für die Mittagspause in Angriff. Am Waldrand bietet ein leicht abzusperrender Weg gleichzeitig Schatten und saftiges Gras. Wir spannen unsere Zügel und Seile zwischen Bäume und Zaunpfosten und lassen die Pferde frei grasen. Beim obligatorischen Wanderreiter-Essen "Vollkornbrot mit Käse" und dem Nachtisch "Müslischnitte Apfel oder Nuss???" fällt auch für Samra immer ein wenig ab.
Nach eineinhalb Stunden brechen wir wieder auf. Im Wald klettern die Pferde bergauf und schon bald sehen wir vor uns die Burg Greifenstein auftauchen. Sie scheint zum Greifen nah, doch zuerst müssen wir noch einmal bergab und durch den Ort reiten. Wir sprechen einen Passanten an und bitten ihn, uns mit den Pferden vor der Burg zu fotografieren.

Nun beginnt erst der richtige Abstieg. Bis Katzenfurt geht es steil hinunter ins Tal. Die schattigen Waldwege machen das Laufen angenehm, wir führen die Pferde fast eine Stunde lang. Im Tal lässt uns eine geschlossene Schranke am Bahnübergang stutzen - seit sie in Sichtweite ist, ist sie geschlossen, aber es ist auch kein Zug zu hören. Erst kurz vor dem Übergang löst sich das Rätsel: Ein Schild an einem Telefonhörer weist darauf hin, dass die Schranke nur auf Anforderung geöffnet wird. Ein Landwirt kommt gerade mit seinem Traktor von der anderen Seite, bedient das Telefon und lässt uns zuerst mit den Pferden passieren, bevor er die Schienen mit seinem Traktor überquert. Entlang der Bahngleise reiten wir nach Katzenfurt - beständig hoffend, dass hier keine allzu schnellen Züge entlang brausen. Im Ort kommt schließlich doch ein Zug, doch diese Bummelbahn entlockt unseren Pferden, die ja im letzten Sommer noch mehrere ICEs erleben durften, nicht einmal zwei gespitzte Ohren.
Am Friedhof halten wir an, um Samra und den Pferden Wasser anzubieten. Tanja muss die Plastiktüte mehrmals füllen, bis alle zufrieden sind. Der weitere Weg führt uns unter der A 45 hindurch. Auf dem Weg geht ein Junge mit einem älteren Mann im Rollstuhl spazieren und ich halte verblüfft an. Handelt es sich doch tatsächlich um einen ehemaligen Schüler aus meiner letzten Grundschulklasse. Da reitet man nun einen ganzen Tag nach Osten und trifft Bekannte! Kevin hatte zwar hin und wieder von seinem Opa aus der Nähe von Herborn erzählt, aber dass wir uns hier begegnen, ist doch ein lustiger Zufall.

Bis zu unserem angestrebten Tagesziel ist es nun nicht mehr weit. Vor Kölschhausen treffen wir einen Landwirt und fragen ihn nach einem potenziellen Nachtquartier im Ort. Bedauernd nehmen wir zur Kenntnis, dass es dort keine Pferdeleute und auch keine Viehhalter mehr gibt. Während wir in Kölschhausen unsere Pferde am Brunnen trinken lassen, empfehlen uns Anwohner, mal in Nieder- oder Oberlemp zu fragen. Beide Orte liegen genau auf unserer Strecke. Der geteerte Weg zieht sich wie Kaugummi, aber Pferdeäpfel auf dem Boden lassen uns Hoffnung schöpfen. In Niederlemp gibt es zwar Pferdeleute, aber die sind nicht zu Hause. Eine andere empfohlene Familie wohnt außerhalb, der Weg dorthin würde für uns ein Stück zurück bedeuten. Nur unwesentlich weiter ist es nach Oberlemp, und dort gibt es einen Reiterhof. Wir führen den Rest der Strecke und sind froh, als wir um viertel vor sieben die nette Mutter des Hofbesitzers antreffen. Nach einem kurzen Telefonat mit ihrem Sohn werden wir hereingebeten.
Um sieben Uhr stehen zwei abgesattelte Pferde unterm Wasserschlauch und genießen sichtlich die abendliche Dusche. Ein breiter, abgefressener Wiesenstreifen zwischen Reitplatz und Bach dient als Gästequartier, mit Zugang zum Bach und einem großen Haufen frisch geschnittenem Gras für jedes Pferd. Wir dürfen es uns im Gästezimmer für Ferienkinder bequem machen, mehrere Doppelstockbetten und ein Bad mit Dusche erfreuen unser Herz. Zum Abendessen schließen wir uns der Bestellung in der Pizzeria an. Während wir aufs Pizzataxi warten, bekommen auch die Pferde ihr Kraftfutter: Hesta-Mix, wir sind hier schließlich auf einem Isländerhof! Ob unsere Hotties am nächsten Morgen tölten?

2.Tag Sonntag, 1.8.2004 Oberlemp - Lollar/Salzböden
Es ist zu schön um wahr zu sein! Nach der abendlichen Dusche konnten wir eine Nacht in richtigen Betten genießen. Wir tränken und füttern die Pferde, an ihrem Durst erkennen wir, dass es ihnen nicht genehm war, sich in der Nacht hinunter zum Bach zu begeben. Um Viertel nach acht ist unser Frühstück bereitet und wir binden die fertig gesattelten und bepackten Pferde im Schatten an. Ofenfrische Brötchen, Marmelade, Tee, Käse und Wurst - letztere wird von uns an Samra verschenkt, die als einzige Mitreisende kein Vegetarier ist. Als die Stallburschen den Raum betreten, zeigt sie schon wieder ihr typisches Verhalten auf Wanderritten: Wer sich uns ungefragt nähert, wird erstmal angebellt. Erst um zehn nach neun sitzen wir im Sattel. Der erste Teil der Strecke verläuft recht eben im Tal der Lemp, größtenteils durch Waldgebiet.

Durch goldgelbe Kornfelder traben wir ein Stück bergauf, genau auf die Burg Hohensolms zu. Leider gibt es dort keine Burgschänke in unserem Sinne. Beim Abstieg zur Mittagspause sind wir begeistert von einem idyllischen Hohlweg im Wald. Ich gehe mit Samra voran, Titan folgt uns frei laufend, Tanja und Grasslady bilden den Abschluss. Ein umgestürzter Baum trübt unsere Freude. Links ist der Hang zu steil, um drum herum zu klettern, rechts liegt viel Windbruch um dichtes Unterholz. Wir entschließen uns, den Weg rechts herum zu versuchen. Samra und Titan lassen sich schrittweise dirigieren und wir schlagen einen großen Bogen um die Wurzeln des Baumes, welche hoch in die Luft ragen. Nur noch zehn Meter trennen uns von unserem Weg. Zehn Meter, durchzogen von einem breiten, sumpfigen Streifen, offenbar der Beginn eines Baches. Wir überlegen, nacheinander und auf verschiedenen Wegen die tiefe Pampe zu durchqueren - damit wir hinterher wissen, welches Pferd wo seine Schuhe verloren hat. Ich sinke fast bis zum Knöchel ein, und Titan versackt bis über die Fesselköpfe. Als er wieder neben mir auf festem Untergrund steht, atme ich erleichtert auf. Alle Easyboots sind noch dran! Tanja sucht mit Grasslady den kürzesten Weg und ich schaue wie gebannt auf die Pferdehufe um sofort zu sehen, wenn ein Hufschuh im Schlamm stecken bleibt. Halleluja, unter den schwarzen, schlammigen Klumpen an den Hufen sind deutlich vier Hufschuhe zu erkennen.


An einem hübschen Waldrand mit reichhaltigem Gras machen wir von 12 bis 14 Uhr Mittagspause. Hier im Schatten lässt es sich angenehm ruhen, wir sind noch satt vom reichhaltigen Frühstück und dösen ein wenig. Der weitere Weg führt bergauf an einem Bach entlang. Auf der Karte führt der Weg bis zur Straße - in der Wirklichkeit endet er ca. 50m vorher in einem sumpfigen Gestrüpp. Nach wenigem Schritt hinein drehe ich um. Der tiefe und morastige Boden lädt keineswegs zu einer raschen Durchquerung ein. Wir folgen einem Weg, den es laut Karte gar nicht geben dürfte. Aber er ist da und sieht gut aus. Als wir endlich auf der Straße ankommen, sind wir einen knappen Kilometer vom geplanten Punkt entfernt. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als die kurvige und unübersichtliche Straße entlang zu reiten. Kein Vergnügen an einem Sonntagnachmittag! Motorräder in allen Geschwindigkeiten und Variationen, Sonntagsfahrer, die von irrsinnigen Rasern überholt werden. Jede Kurve ein russisches Roulette, denn als Autofahrer kann man nicht sehen, ob jemand entgegenkommt. Obwohl wir mit Handzeichen Bescheid geben, ob Gegenverkehr kommt oder die Straße zum Überholen frei ist macht es keinen Spaß, hier zu reiten. Dies ist für meinen Geschmack etwas zu viel Nervenkitzel.
Endlich sehen wir auf der linken Seite einen Weg, den es jedoch laut Karte gar nicht gibt. Egal, Hauptsache weg von dieser Straße! Nach einiger Zeit des Umherirrens zwischen zwei Bergkuppen entdecken wir einen steilen Abstieg, der genau Richtung Osten führt. Wir klettern hinab, kämpfen uns durch das zugewachsene Ende des Weges und stehen am Waldesrand auf einer Wiese. Im Tal ist ein Dorf zu sehen - bloß welches? Die Standortbestimmung durch Peilen mit dem Kompass funktioniert mangels eines zweiten markanten Geländepunktes nicht wirklich, wir vermuten jedoch, dass dieser Ort Krumbach ist. Das Schild am Ortsausgang liefert die Bestätigung und wir beschließen, den Rest des Tages markierten Wanderwegen zu folgen. Der "gelbe Punkt" erweist sich als echtes Schnäppchen: Alt, kaum benutzt und wunderschön! Immer wieder entdecken wir uralte steinerne Wegemarkierungen. Parallel zur Straße erreichen wir auf einem Wiesenweg unser Ziel: Lollar-Salzböden.

Am Vorabend hatte ich unseren Hufschuhdoktor angerufen, ob wir bei ihm übernachten können, da er so günstig auf der Strecke liegt. Die Pferde bekommen eine hübsche Weide am Waldrand und "Nösenberger Senior" (dem Alter meines Schimmels angemessen). Wir dürfen unsere Schlafsäcke im Heu ausrollen.
Zum Abendessen gehen wir hinunter ins Dorf und freuen uns auf ein großes Krefelder. Leider haben wir die Altbiergrenze schon wieder überschritten, der Wirt schaut uns fragend an. Also gibt's ein Radler und dazu einen griechischen Salat mit Pommes. Als wir gegen 21 Uhr zurück in unser Quartier kommen, werden wir von unseren Gastgebern zu einem Gläschen Wein auf der Terrasse eingeladen. Nach etwas mehr als einem Gläschen, langen Gesprächen und mit einer guten Wegbeschreibung für den ersten Teil der morgigen Strecke krabbeln wir kurz vor Mitternacht leicht betüddelt in die Schlafsäcke. Tanja schafft es sogar noch, ihre schmutzige Wäsche zu waschen während ich langsam ins Reich der Träume sinke.


3.Tag Montag, 2.8.2004 Lollar/Salzböden - Homberg/Ohm (Wäldershausen)
Um 6 Uhr piepst der Wecker, fröstelnd steigen wir aus den warmen Schlafsäcken in unsere kalten Klamotten, füttern die Pferde und packen unsere Sachen ein. Wie vereinbart gibt es um Viertel nach sieben Frühstück: frische Brötchen, Kaffee, Josta-Marmelade und leckere Croissants. Beim anschließenden Putzen, Beschuhen, Satteln und Bepacken stellen wir neue Rekorde auf. Innerhalb von sieben Minuten habe ich beiden Pferden die Hufe gereinigt und ihre Schuhe angezogen. Um 8.45 Uhr reiten wir weiter, der Sonne entgegen. Eine Flutbrücke zwingt uns zum Absteigen. Das glitzernde und spiegelnde Wasser wirft farbige Lichter an die Seitenwände der Unterführung, da findet es Titan doch sicherer, wenn ich vorausgehe. Das Wasser ist nur etwa 15 cm tief, wir kommen auf der anderen Seite mit 12 sauberen Schuhen heraus und reiten auf traumhaften Wiesenwegen weiter bis zur Lahnbrücke.

Dort entdecken wir auch die empfohlene Stelle zum Planschen mit den Pferden. Ein Radfahrer wird von uns zum Fotografen erkoren und macht Fotos davon, wie wir ins Wasser reiten. Prima! Die Pferde genießen die Erfrischung, Titan reicht das Wasser fast bis zum Bauch. Samra schwimmt eine Runde um Titan herum. Zum ersten Mal ist sie freiwillig ganz ins Wasser gegangen!


Auf markierten und gut befestigten Wanderwegen reiten wir weiter. Sie sind nicht wirklich schön, aber echte Kilometerfresser. Die Mittagspause wollen wir an einem Bach am Rande des Wanderweges "R" machen. Nur noch über den einen Berg, das kann nicht mehr weit sein! Aber der Weg - nur noch ein schmaler Pfad - führt über eine Holzbrücke über ein tief eingeschnittenes Bachbett. Die Brücke ist schon recht morsch und für Pferde absolut nicht geeignet. Bergan bahnen wir uns einen Pfad durchs Gestrüpp, kleine Buchen leisten keinen ernsthaften Widerstand. Eine uralte Steinbrücke ist breit und stabil genug, um die Seite zu wechseln. Wenn man nicht nach unten schaut, fällt auch das fehlende Geländer kaum auf. Zurück kämpfen wir uns am Rande der Schlucht abwärts durch schulterhohes Gestrüpp und äußerst kratzbürstige Fichten. Der Boden ist bucklig und durchlöchert, jeder Schritt ein Abenteuer. Titan sucht meine Fußspuren, gefolgt von Samra, Tanja und Grasslady.
Der Aufwand wird beloht, denn der weitere Weg jenseits der Holzbrücke führt an einem tiefen Abgrund entlang und bietet uns immer wieder atemberaubende Ausblicke über die Täler. Ein dreireihiger Stacheldrahtzaun vor dem Abgrund wirkt hier direkt beruhigend. Zu Fuß klettern wir den Berg hinunter, denn der Trampelpfad ist recht steil. Die angestrebten Bäche sind trocken, doch schließlich finden wir wenigstens einen schattigen Nebenweg mit genügend Gras für die Mittagspause.

Nach der Pause halten wir uns noch ein wenig an die Wanderwege bis wir feststellen, dass sie teilweise auf der Straße entlang führen. Die von uns auf der Karte ausgesuchten Parallelwege sind in der Wirklichkeit bis zur Unkenntlichkeit zugewachsen, aber mit dem Kompass und gemessenen Schrittes landen wir letztendlich exakt auf dem angestrebten Weg nach Höingen. Im nächsten Wald reiten wir ein gutes Stück in flottem Trab, bis wir Homberg / Ohm vor uns im Tal sehen. Zu Fuß machen wir uns an den Abstieg. Im Tal gönnen wir uns und den Pferden eine kleine Pause an einem Nebenfluss der Ohm. Samra kühlt sich die Füße.

Die von Rüspelers empfohlene Übernachtungsmöglichkeit für Wanderreiter in der Nähe des Campingplatzes kennt niemand. Man empfiehlt uns, weiter unten im Tal am Gestüt Wäldershausen zu fragen. Mit letzten Kräften machen wir uns an den Abstieg. Es ist heiß, die Wasserflaschen sind leer und wir wollten eigentlich längst abgesattelt haben. Im Gestüt ist schon Feierabend im Stall, nur eine einsame Praktikantin wartet an der Einfahrt auf ihre Mutter. Wir überfallen sie mit unserem Anliegen, einen Schlafplatz für die Pferde zu bekommen. Hilfe suchend wendet sie sich an zwei andere Mädchen, die kurz verschwinden, um nachzufragen und etwas ratlos zurückkommen. Den uns zugewiesenen Stall auf der anderen Straßenseite kennen sie selbst noch nicht. Ein uriges altes Häuschen sieht im Tageslicht von außen noch ganz gemütlich aus. Die Boxen innen sind nur teilweise gemistet und alles ist von 100jährigem Staub und Spinnweben überzogen. Das wird wohl unser Nachtquartier sein! Die Mädels zucken die Schultern, wir stellen die Pferde auf die kleinere Koppel am Stall und satteln ab. Wasser gibt es nicht, also ab zum Gestüt. Die Mädchen wissen nicht einmal, wo Eimer sind. Durch den Außenpaddock eines Haflingers gelangen wir in den Stall, da an den Türen möglicherweise schon die Alarmanlage eingeschaltet ist. Der Wasserhahn spuckt in alle Richtungen, nur nicht in die tragbare Futterkrippe, die Gießkanne oder unsere Wasserflaschen. Ich bin in wenigen Sekunden patschenass, schleppe das erbeutete Wasser ächzend die 300m zum Quartier.

Tanja hat schon die Hufschuhe ausgezogen, die Pferde sind glücklich und zufrieden, denn auf der Wiese steht das beste Futter. Wir räumen unsere Sättel und das Gepäck in eine Box und binden Samra im Eingangsbereich des Stalles an. Sie muss aufpassen, während wir uns per Anhalter auf den Weg nach Homberg machen. Dort gibt es ein Freibad, und wir sehnen uns nach einer Dusche! Als endlich ein Auto anhält, sind wir schon fast den ganzen Weg bis Homberg gelaufen. Der Fahrer teilt uns mit, dass das Schwimmbad nur bis sieben Uhr Einlass gewährt - es ist bereits halb acht. Am nächsten Supermarkt lassen wir uns absetzen, um Hundefutter zu kaufen. An der Kasse fragen wir nach einem nahe gelegenen Hotel fürs Abendessen. Dort gibt es das übliche Futter für Vegetarier: Pommes und Salat. Beim Bezahlen kommen wir mit dem Wirt ins Gespräch, wir erzählen, dass wir mit den Pferden unterwegs sind. Erfreut bringt er uns Prospekte des Hauses und lädt uns ein, beim nächsten Mal mit den Pferden dort zu übernachten. Es gibt Paddocks und Fremdenzimmer. HIER ist also das empfohlene Quartier für Wanderreiter in der Nähe des Campingplatzes!
Zurück trampen wir etwas erfolgreicher und lassen uns direkt vorm Gestüt absetzen. Samra hat brav aufgepasst und freut sich sehr, nicht mehr allein im Gruselhaus zu sein. Bevor wir unser Nachtlager richten, lassen wir die Pferde noch einmal trinken. Zum Glück ist in einer Box noch etwas sauberes Stroh, worauf wir unsere Schlafsäcke ausbreiten. Bei Apfelsaftschorle und Snickers vertagen wir die Planung der weiteren Strecke auf den nächsten Morgen. Irgendwie möchten wir nicht, dass jemand von außen das Licht unserer Taschenlampe sieht. Sind wir wirklich legal hier? War es der richtige Stall? Egal, Hauptsache die Pferde haben eine gute Weide!

Als wir uns schlafen legen, summen die ersten Mücken um uns herum. Wir reiben alle unbedeckten Hautstellen mit Zedan ein und verstecken uns tief in den Schlafsäcken. An Schlaf ist jedoch nicht zu denken. Samra schnappt nach Mücken und es fahren immer wieder einzelne Autos den Teerweg am Stall entlang. Wir warten nur darauf, dass jemand uns fragt, was wir hier tun? Um 0.40 Uhr habe ich kaum geschlafen. Tanja ist ebenfalls traurig, dass wir noch nicht aufstehen dürfen. Die Stunden bis 5.30 Uhr ziehen sich endlos. Es ist eine wahre Erlösung, als der Wecker endlich klingelt! Die bleierne Müdigkeit begleitet uns den ganzen Tag.
4. Tag Dienstag, 3.8.2004 Homberg/Ohm (Wäldershausen) - Berfa
Bei der Rückgabe der Wassergefäße treffen wir auf den Gärtner, der gerade die Blumen mit einem Gartenschlauch wässert. Wir drücken ihm den Futtereimer und die Gießkanne in die Hand. Er will sie für die Pferde auffüllen und versteht erst im dritten Anlauf, dass wir die Sachen lediglich zurückgeben wollen. Um 8.25 Uhr klettern wir den Berg nach Maulbach hinauf. In wechselnder Anzahl folgen uns verschiedene Hunde. Am Ortsausgang fragt uns ein Mann, ob wir ohne Kommunikationssystem unterwegs sind. Ich zeige ihm zwinkernd mein Handy und muss feststellen, dass er "Navigationssystem" meinte. Trotz meines Kompasses warnt er uns vor dem großen bösen Wald vor uns und schlägt vor, dass wir doch lieber außen herum reiten sollten. Tse! Freiwillig in der Sonne schmoren? Niemals!
Wir durchqueren den Wald ohne das geringste Problem und mit einer langen Trabstrecke. Am Waldrand treffen wir auf einige Jäger, die offenbar Zielübungen mit ihrem neuen Gewehr machen. Der weitere Weg zur Mittagspause zieht sich durch sonnige Felder hin. Am "Getürms", einer kleinen Kapelle mit Friedhof, tränken wir die Tiere und machen im Schatten eine Stunde Rast. Grasslady stützt den Kopf auf der Friedhofsmauer auf.

Beim Weiterreiten halten wir Ausschau nach einer Stelle zum Grasen. Schon bald finden wir eine Ecke am Bach, wo wir die Pferde noch einmal eine halbe Stunde fressen lassen. Nach dem Dorf Leusel betreten wir einen Backofen. In der prallen Sonne reiten wir durch die Felder, das Thermometer misst 58°C in der Sonne, Schatten gibt es auf 5 km nirgendwo. Ein Gutes hat diese Gluthitze aber doch: Unsere Socken und Unterhosen trocknen in Rekordzeit, als wir sie um uns herum verteilt auf den Packtaschen befestigen.

Wir reiten hinunter nach Alsfeld- Eudorf, wo Samra sich im Bach ein paar Minuten abkühlt. Der nun scheinbar einfach zu reitende Rest des Weges entpuppt sich als pures Gestrüpp, wir verreiten uns doch noch ein wenig. Nun erst ist der Tag komplett!
In Berfa finden wir ein Nachtquartier auf einer schrägen Koppel privater Pferdehalter. Einige Anwohner hatten uns den örtlichen Bauern empfohlen, der jedoch von seinem Trecker herab unverständliches Schimpfen über uns ergoss und somit als Gastgeber für uns nicht mehr in Frage kam. Tanja schleppt zwei Eimer Wasser vom Haus der Wieseneigentümer herbei, während ich aus den Ponchos und etwas Seil unser Zelt aufbaue. Der Zaun ist sehr niedrig, sodass das Zelt sehr flach ausfällt. Samra ist das völlig egal, sie lässt sich erschöpft auf Titans Pad im Schatten nieder. Einer muss schließlich auf die Sättel und Packtaschen aufpassen, während wir weg sind.

Es ist erst 18 Uhr und wir machen uns auf den Weg in den fast 5 km entfernten Nachbarort Ottrau, in dem es laut unserer Karte ein Freibad geben soll. Heute wird es wirklich allerhöchste Zeit, mal wieder die Haare zu waschen! Nach etwa 2km zu Fuß hält endlich ein junger Mann an der kaum befahrenen Straße an und nimmt uns mit bis zum Schwimmbad. Es ist kurz vor Schluss, aber wir werden noch rein gelassen. Unter der Dusche stelle ich entsetzt fest, dass es sich um ein unbeheiztes Freibad mit ausschließlich kalten Duschen handelt. Mein Seufzer zu Tanja "Wir müssen eisig kalt unsere Haare waschen!" wird von einem netten Bademeister erhört, er bietet uns an, die Sportlerdusche zu benutzen, in der es warmes Wasser gibt. Tapfer steigen wir ins eisige Becken hinein und erfrischen uns mit ein paar Bahnen im kühlen Nass. Wenn man mal drin ist, scheint es nicht mehr ganz so kalt. Das anschließende Haare waschen ist ein wahres Fest.
Die Kneipe über dem Schwimmbad erscheint uns der ideale Ort zum Abendessen, aber leider gibt es dort nur flüssige Nahrungsmittel. Die Kassiererin des Schwimmbades empfiehlt uns eine Gaststätte, die zur örtlichen Metzgerei gehört. Dies sei auch gleichzeitig die einzige Möglichkeit, hier im Ort etwas zu essen. Da es bis zur Metzgerei ein Stück zu laufen ist, ruft die nette Frau schnell an und fragt, ob heute geöffnet ist. Erfreut und dankbar für so viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft machen wir uns auf den Weg durch den Ort. Wir ahnen schon, welches Essen uns in der Metzgerei erwarten wird - und tatsächlich, ein großer gemischter Salat OHNE Kochschinken und zwei Portionen Pommes sind wieder einmal die Speisen unserer Wahl. Als großes Radler bekommen wir hier grad mal 0,3l, kaum genug, um den ersten Staub aus der Kehle zu spülen.
Während des Essens kommen wir mit der Senior-Chefin ins Gespräch. Als wir sie bitten, uns später ein Taxi zu rufen (Lust auf gut 5km Fußweg zu den Pferden hatten wir an dem Tag wirklich nicht mehr!), winkt sie ab. Bis das Taxi von Alsfeld hier sei, könne sie uns eben schnell rüber fahren. Gesagt, getan, nachdem wir unsere Rechung bezahlt haben bringt sie uns zurück nach Berfa, wo die Pferde lautstark ihre Abendration Kraftfutter fordern. Samra freut sich über unsere Rückkehr und wir schreiben im Licht der Taschenlampe noch unser Reisetagebuch. Erst beim Hinlegen spüren wir deutlich die wahren Ausmaße der Löcher und Buckel im Boden, außerdem ist die Wiese recht abschüssig. Tanja schläft "unten", ich in der Mitte und Samra hat die Ehre, sich auf Titans dickem Westernpad an meinen Schlafsack kuscheln zu dürfen. Für sie besteht keine Gefahr, mitten in der Nacht bergab zu rollen.
5.Tag Mittwoch, 4.8.2004 Berfa - Kohlhausen
Um 5.30Uhr dürfen wir uns endlich von unserem löchrigen, schrägen Bett erheben. Lediglich Samra sieht vom Nachtschlaf erholt aus, uns hingegen tun alle Knochen weh. Ich merke, dass ich mir in der Nacht den Hals verrenkt habe, kann den Kopf kaum nach rechts drehen. Na ja, bei dem warmen Wetter wird sich das schon von allein erledigen, hoffe ich.
Die Pferde holen sich ihr Frühstück ab und Titan beschließt anschließend, noch schnell eine Schlammpackung gegen die Mücken aufzulegen. Im taunassen Gras wälzt er sich drei Mal genüsslich und ähnelt hinterher mehr denn je einem Schecken. Wir räumen unser Nachtlager zusammen, putzen, satteln, beschuhen und bepacken die Hotties. Um 8 Uhr bringen wir noch schnell die beiden Eimer zurück zum Haus und füllen unsere Wasserflaschen auf. Der Vorteil an unbequemen Nachtquartieren liegt klar auf der Hand: Man kommt morgens wenigstens beizeiten los!
Bergauf geht es in die nächste lange Wald-Etappe, parallel zur A5 und A7. Schon beim Abritt ist es 20°C warm und wir sind froh, heute viel Wald auf der Strecke zu haben. Außer der teilweise schockierenden Nähe zur Autobahn gibt es nicht viel zu berichten. Die Wege sind gut ausgebaut aber nicht zu hart, die Pferde schreiten fröhlich voran und wir traben mal wieder ein längeres Stück. Am Hattenbacher Dreieck trennt uns stellenweise nur die Leitplanke auf einer dünnen Betonmauer von der Fahrbahn. Einige LKW-Fahrer hupen, aber das interessiert unsere Pferde wenig.

In Kleba machen wir Mittagspause von 12.15Uhr bis 14.00Uhr. Am Bach befindet sich ein geschotterter Platz mit bereitem Grünstreifen, offenbar der Markt- oder Kirmesplatz. Zur Straße hin grenzen einige dicke Steine den Platz ab. Wir lassen die Pferde frei herumlaufen, da sie sich freiwillig am liebsten im Schatten unter den Bäumen am Bach aufhalten. Sie fressen eine gute Stunde in größerer Entfernung von uns, kommen zum Dösen aber wieder zu uns zurück. Samras rechter Hundeschuh ist durchgelaufen. Na so was! Lange hat er ja nicht gehalten. Zum Glück habe ich noch ein Paar in Reserve.

Über Berge und durch weitere Wälder reiten wir nach der Mittagspause erst nach Beiershausen, dann nach Asbach. Hier fragen wir einen älteren Herrn, der uns begegnet, ob es im Ort wohl eine Übernachtungsmöglichkeit für uns gibt. Er schickt uns weiter ins Nachbardorf, in Kohlhausen soll es in der Nähe der Gaststätte jemanden geben, bei dem man Pferde unterstellen kann. Als wir noch in Asbach an einem Baustoffhandel vorbeikommen, möchte ich Klebeband zur Reparatur von Samras Schuhen kaufen. Im Laden nutze ich die Gelegenheit und frage nach dem Quartier im nächsten Ort. Eine hilfsbereite Mitarbeiterin schnappt sich sofort das Telefonbuch und organisiert unseren beiden Pferden ein Nachtquartier bei Familie Erbe. Sie begleitet mich nach draußen zu Tanja und den Vierbeinern, um sich unsere kleine Karawane mal anzusehen. Versehen mit einer hervorragenden Wegbeschreibung reiten wir weiter.
Am Stall werden wir schon vom Ehepaar Erbe erwartet. Wir können die Pferde abwaschen und sie dürfen auf eine hübsche Koppel. Klar, dass sie sich erstmal ausgiebig wälzen! Im Stall stehen noch zwei uralte Warmblüter, 26 und 28, denen man ihr Alter Dank hervorragender Pflege nicht ansieht. Da die Gastwirtschaft im Ort heute geschlossen hat, wird uns das Gästezimmer angeboten. Als wir nach der nächsten Möglichkeit zum Einkaufen fragen erfahren wir, dass es hier im Ort kein Geschäft mehr gibt. Damit wir zum Proviant kaufen nicht zurück nach Asbach laufen müssen, laden unsere Gastgeber uns zum Abendessen und zum Frühstück ein. Wir können unser Glück kaum fassen.
Beim Abendessen lässt man uns um kurz vor sechs allein in der Küche zurück mit dem Hinweis auf das Versteck des Haustürschlüssels. Unsere Gastgeber müssen noch etwas erledigen, wir sollen jedoch in Ruhe zu Ende essen. Wir bemühen uns, in der Küche alles an den richtigen Platz zu räumen bevor wir wieder zu den Pferden gehen. Als Herr Erbe seine beiden Stuten für die Nacht auf die Weide bringt, bekommen unsere beiden eine große Portion Weizen und Gerste. Die Tochter ist auch zum Stall gekommen und versorgt uns mit vielen Tipps zu verschiedenen Wegen und möglichen Zielen, und so planen wir unseren Weg vor dem Schlafengehen noch einmal neu. Wir wähnen uns im Paradies, als wir nach zwei nahezu schlaflosen Nächten frisch gewaschen in die gemütlichen Betten sinken dürfen. Samra streckt sich wohlig seufzend auf dem Teppich aus.
6.Tag Donnerstag, 5.8.2004 Kohlhausen - Philippsthal
Unser aktuelles Tagesziel soll Philippsthal sein, ehemals eine Stadt an der Grenze zur DDR. Um 6 Uhr stehen wir auf, ausgeruht und guter Dinge. Wie schön es war, mal wieder in einem Bett zu schlafen! Das Frühstück dauert ein wenig länger als geplant, wir verquatschen uns fast eine halbe Stunde und Samra genießt die von Frau Erbe gefütterten Scheiben Wurst. Als wir aufstehen, um zu den Pferden zu gehen, bleibt sie demonstrativ vor dem Kühlschrank liegen.

Die Pferde sind ziemlich genervt von den Kriebelmücken, die es schon zur frühen Morgenstunde auf sie abgesehen haben. Da fällt es schwer, beim Putzen still zu stehen. Um 8.20 Uhr starten wir auf einer neuen und ungeplanten Variante des Weges, da ich im Dorf ein kleines Sträßchen zu weit geritten bin. Zum Umkehren haben wir keine Lust und es sieht so aus, als würde auch der neue Weg ans Ziel führen. Der Fehler entpuppt sich als glücklicher Zufall, auf weichen Waldwegen, die in der Karte so nicht existieren, klettern wir in Ideallinie den Johannesberg hinauf.
Danach zieht sie die Strecke endlos hin durch steile Berge und tiefe Täler, ein ständiges Auf und Ab. In Oberhaun stellen wir mal wieder fest, dass nicht nur ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, sondern auch zwei Pferde. Um einen halben Kilometer Bundesstraße zu vermeiden, kürzen wir illegal auf einem schmalen Fußweg ab und sind froh, dass wir keine breiten Pferde haben. So kommen wir gut zwischen Hecke und Straßenlaterne hindurch. Nach der Überquerung der Bundesstraße geht es wieder bergauf, steil und unerbittlich in der prallen Sonne. Teils führen wir, teils lassen wir uns tragen. Auf der Suche nach einem Wasser führenden Bach steigen wir etwas tiefer als geplant in das nächste Tal hinab. In einer kleinen Schlucht springt Samra umgehend ins Wasser und die Pferde würden ihr am liebsten umgehend folgen. Titan lässt sich nur mit Mühe und Nachdruck davon überzeugen, auf die gefüllte Wassertüte zu warten. 
Bedingt durch diesen kleinen Umweg reiten wir die nächsten Kilometer etwas weiter südlich als geplant. Weiche Wege zwischen Korn- und Maisfeldern trösten uns über die brennende Sonne hinweg, gelegentlich weht sogar ein warmer Lufthauch. Samra lässt sich davon jedoch nicht erfrischen, sie sinkt demonstrativ ins Gras und lässt sich erfreut aus unseren Wasserflaschen duschen. Zum Glück springt sie danach auch ohne Mund-zu-Schnauze-Beatmung wieder auf und läuft weiter.
In der Nähe von Konrode lassen wir die Pferde eine halbe Stunde im Schatten am Rande eines Maisfeldes grasen. Samra sucht sich im Maisfeld eine Kuhle und schläft ein wenig. In Schenklengsfeld finden wir einen wunderbaren mehrstöckigen Dorfbrunnen, aus dem die Pferde ausgiebig trinken. Im Einkaufszentrum kaufen wir neue Vorräte ein. Manche Leute schauen etwas erstaunt auf meine Kleidung, denn lange braune Wachschaps sind nicht wirklich angebracht bei dem Wetter, erklären sich aber von selbst, als ich mit dem neu erworbenen Proviant zurück zu Tanja gehe, die draußen mit den Pferden wartet. Ich telefoniere mit meinem Mann und teile ihm mit, dass wir gut im Zeitplan sind. Er erklärt sich bereit, im Internet nach einem Reiterhof in der Nähe der Wartburg zu suchen und uns für die letzten beiden Nächte ein Quartier zu bestellen. Kurz darauf ruft Peter zurück und teilt uns mit, dass wir in Clausberg, direkt am Rennsteig, bei Familie Stosch ankommen dürfen. Er selbst will auch schon am Samstag anreisen, um uns schließlich am Sonntag nach Hause zu bringen.
Am Ortrand machen wir eine Stunde Mittagspause und brechen schließlich um 14.50 Uhr auf zum Endspurt nach Philippsthal. Auf dem Weg nach Ransbach sehen wir plötzlich einen riesigen weißen Berg am Horizont, der alle umliegenden Hügel und Wälder überragt. Das ist also ein Kali-Berg.

Noch beeindruckender wirkt er als wir - nach der Ortsdurchquerung und einem weiteren schönen Dorfbrunnen - eine Stunde später auf einer Strecke von mehr als einem Kilometer am Fuße dieses Berges entlang reiten. Als wir den Ortsrand erreichen, fragen wir einen Mann nach einem Reitstall in Philippsthal. Wir können unser Glück kaum fassen, er beschreibt uns den Weg zum örtlichen Reitverein sehr detailliert, außerdem liegt der Stall exakt auf unserer geplanten Wegstrecke. Der Weg durch Philippsthal zieht sich endlos in die Länge, wir führen den Rest der Strecke. Im Reitverein ist man Wanderreiter gewöhnt und wir werden herzlich aufgenommen. Genau 10 Stunden nach dem Abritt sind wir für heute am Ziel. Fix und fertig, aber glücklich.
Wir dürfen die Pferde am Waschplatz abspritzen und sie bekommen eine kleine Koppel vor dem Stall. 
Da nicht mehr viel Gras darauf wächst, füttern wir Heu dazu. Wir dürfen es uns in der Heu-Box gemütlich machen. Tanja stapelt die Heuballen so um, dass wir eine halbwegs eben erscheinende Liegefläche haben, auf der wir unsere Ponchos und die Schlafsäcke ausbreiten. Das Sattelzeug und der Hund passen auch noch mit hinein, was will man mehr?

Das Reiterstübchen mit kalten Getränken und Toiletten stehen uns ebenfalls zu Verfügung, wir fühlen uns mal wieder wie im Paradies. Zumal wir auf dem letzten Kilometer an einer Gaststätte vorbeigekommen sind, in der wir später zu Abend essen wollen. Zuerst versorgen wir noch die Pferde mit dem Kraftfutter aus unseren Packtaschen. Da wir für den nächsten Tag schon ein Quartier haben, können wir die Notration nun verbrauchen.
Mit knurrendem Magen brauchen wir mehrere Anläufe, bis wir uns auf den Weg zur Gaststätte machen. Die Mitglieder des Reitvereins haben eine so einladend nette Stallgemeinschaft, dass man sich ständig fest quatscht. Schade eigentlich, dass es im Reitstübchen kein Essen gibt, und ehrlich gesagt haben wir definitiv keine Lust auf einen Abend mit Vollkornbrot und Käse aus unseren Packtaschen. Es ist kurz vor neun, als endlich zwei Teller mit - NEIN! Diesmal nicht Pommes und Salat, sondern mit zwei "richtigen" vegetarischen Gerichten von der Speisekarte! - vor uns stehen. Zur Abwechslung probieren wir mal das regionale Schwarzbier und müssen feststellen, dass langsam trinken hier angebracht ist, wenn wir den Weg zum Stall noch zurückfinden wollen.
7.Tag Freitag, 6.8.2004 Philippsthal - Clausberg
Um 5.30 Uhr empfinden wir den Wecker ein weiteres Mal als Erlösung, denn unsere Heuballen haben sich in der Nacht eifrig verschoben. Bei so vielen Löchern im Bett lagen wir alles andere als bequem. Außerdem hatte es sich bei den Mücken im Stall herumgesprochen, dass frisches Blut im Stall ist. Mit ihrem gemeinen Surren veranlassten sie uns zu mehreren nächtlichen Einreibungen mit Zedan, fanden aber letztendlich immer noch Stellen, an denen sie stechen konnten. Gemein, wenn es einen morgens an den Zehen juckt!
Nach der Fütterung unserer Vierbeiner ziehen wir uns zum Frühstück ins Reiterstübchen zurück, welches mit Wasserkocher und Cappuccinopulver ausgestattet ist. Zum heißen Getränk gibt es Vollkornbrot mit Käse und vegetarischem Brotaufstrich. Heute erledigen wir schon zum letzten Mal die komplette Morgenprozedur: Hotties putzen, beschuhen und bepacken. Samra liegt derweil im Schatten unter einem Pferdehänger und schläft weiter.
Zum Abritt um 8.30 Uhr müssen wir sie regelrecht überreden, mit kritischer Miene lässt sie sich ihre Hundeschuhe anziehen.
Zuerst geht es mal wieder steil bergauf. Auf der Höhe reiten wir einige Kilometer auf der Landesgrenze zwischen Hessen und Thüringen. Vom ehemaligen Grenzstreifen ist kaum noch etwas zu sehen, einen einzigen Betonpfosten entdecken wir, an dem noch Zaunreste und ein abgebrochenes Schild hängen. Uralte bemooste Steine mit eingehauenen Buchstaben und Zahlen (offensichtlich Kilometerangaben) stehen in regelmäßigen Abständen am Wegesrand.
Der von uns ungeduldig herbeigesehnte Aussichtspunkt "Wartburgblick" enttäuscht mit der Aussicht auf unzählige junge Birken. Die Natur holt sich zurück, was einst zwecks einfacherer Überwachung gerodet wurde. In Richtung Westen blicken wir zurück auf den Kali-Berg bei Heringen.
In einer kurzen Pause lege ich mein Hemd über den Sattel, wir führen die nächste halbe Stunde auf einem von überraschend vielen Autos frequentierten Teerweg und ich merke erst nach ca. 3km, dass mein Hemd weg ist. Die eben noch verfluchten Autos werden nun zum Segen. Ich halte eine Mutter mit Tochter an und bitte sie, mit mir den Weg ein Stück zurückzufahren. Tatsächlich, dort liegt mein Hemd auf der Kreuzung, halleluja! Die beiden Helferinnen in der Not nehmen mich auch noch ein Stück des Weges mit zurück, dann müssen sie abbiegen und ich laufe den letzten halben Kilometer zurück. Samra und die Pferde genießen die kleine Pause.

Nun sind wir in Thüringen. Im Osten ist alles anders. Gleich nach der Landesgrenze entdecken wir einen Reitweg - leider führt er in die falsche Richtung. Am Friedhof von Vitzeroda machen wir noch eine kurze Tränkpause. Bis Abteroda müssen wir auf der Straße reiten. Zum Glück ist hier recht wenig los, die Gegend scheint regelrecht ausgestorben. Die Straße nach Gospenroda wollen wir vermeiden, lieber parallel dazu am Waldesrand entlang reiten. Dummerweise führt der weiche Weg, auf dem wir im Schatten ein gutes Stück traben können, heimlich, still und leise immer tiefer in den Wald hinein. Tanja hat die Karte und ist noch recht zuversichtlich, dass wir etwas weiter wieder aus dem Wald hinauskommen. Doch der zerklüftete Berg hat seine Tücken, wir verreiten uns. Mit viel Kletterei, dem Kompass und weiblicher Intuition finden wir schließlich die Straße wieder.
Elend lange Serpentinen bringen uns nach Gospenroda. Der Verkehr auf dieser Straße kostet uns einige Nerven, denn auf Grund der engen Kurven werden wir von einigen Autos und LKWs erst recht spät gesehen. Am Ortseingang bietet sich die Möglichkeit, die letzte Serpentine zu schneiden. Wir führen die Pferde die kleine Nebenstraße hinab und sehen überglücklich das Schild "Friedhof". Auf der Karte ist zu erkennen, dass sich der Friedhof in einer Sackgasse befindet. Auch wenn es den doppelten Weg bedeutet, wir wollen den Pferden auf jeden Fall Wasser anbieten, bevor wir uns auf die Suche nach einem Rastplatz für die Mittagspause machen. Tanja geht mit der Tränktüte zum Wasserhahn. Während die Pferde gierig trinken, berichtet sie mir, dass der Friedhof auf der anderen Seite einen Ausgang hat. Dort gibt es zwar ein paar Treppenstufen, aber wir könnten den Weg zurück und ein ganzes Stück entlang der viel befahrenen Hauptstraße sparen. Da es sich wirklich nur um 15 bis 20 Meter handelt, beschließen wir, die Abkürzung wahrzunehmen. Etwas unwohl fühle ich mich schon, als wir die Pferde über den breiten Kiesweg führen. Hoffentlich äppelt jetzt keines unserer Hotties! Die Steinstufen am Ausgang nehmen die beiden ganz gelassen, Dank der Easyboots rutschen sie beim Treppensteigen kein bisschen.
Zwischen XXL-Maisfeldern (Im Osten ist alles anders!) und überbreiten Splittwegen (Im Osten...) pilgern wir zu Fuß zum nächsten Waldrand, um dort endlich Mittagspause zu machen. Fast eineinhalb Stunden lassen wir uns vom Sound der LPG-Mähdrescher im nahen Rapsfeld bedröhnen, bis wir um kurz vor halb drei weiter reiten. Von der breiten, geschotterten "Waldautobahn" biegen wir in einen hübschen, unbefestigten Nebenweg ein, der leider bis zu einem kleinen See führt, statt vorher - wie es in der Karte steht - rechts abzubiegen. Links herum um den Tümpel geht es nicht weiter, der breite Weg führt in eine Weide hinein. Rechts herum ahne ich einen Trampelpfad mehr als ich ihn wirklich erkennen kann, aber nach einigen Metern ist er deutlich zu sehen. So führen wir vorsichtig auf dem schmalen Pfad zwischen Zaun und ausgetrocknetem Wassergraben. Und tatsächlich, nach einer ganzen Weile bringt uns der Pfad auf unsere ursprünglich geplante Strecke am Waldesrand zurück.

In Wünschensuhl machen wir eine kurze Einkaufspause. Im Dorfladen besorge ich für Samra Dosenfutter zum Abendessen, außerdem darf ich dort unsere fast leeren Wasserflaschen auffüllen. Der erhoffte Wiesenweg über den nächsten Hügel erweist sich als breiter Teerweg voller Autos, welche diese Abkürzung nutzen. Titan lässt sich plötzlich ziehen und bleibt immer wieder stehen. Der Weg bis Oberellen scheint endlos, die Pausen zwischen einigen Metern Vorwärtsgehen werden immer länger. Am ersten haus fragen wir nach Wasser und bekommen auch welches in unsere Plastiktüte gefüllt. Titan trinkt viel und wir gehen weiter. Am Ortsausgang machen wir eine kleine Pause im Schatten. Beim Weitergehen lässt Titan ein paar steinharte Pferdeäpfel fallen, danach geht es ihm sichtbar besser. Das Heu von letzter Nacht ist ihm wohl nicht so gut bekommen.
Einen letzten steilen Anstieg im Wald müssen wir noch nehmen, dann erreichen wir unser vorbestelltes Quartier und vorläufiges Ziel der Reise: Clausberg. Auf dem Hof der Familie Stosch werden wir schon erwartet und herzlich empfangen. Unsere Pferde genießen die ausgiebige Dusche unter dem Wasserschlauch und beziehen danach zwei geräumige Boxen. 
Für uns tut es in dieser Nacht das Schlafsofa im Reiterstübchen, da das Appartement noch vermietet ist. Immerhin haben wir ein eigenes Bad mit Dusche! Im Clausberger Ausflugslokal essen wir zu Abend und fallen anschließend nach gründlicher Reinigung von Haut und Haaren auf unsere Schlafgelegenheit. Das ca. 1,50m lange Sofa zwingt uns dazu, mit angewinkelten Beinen zu schlafen. Jegliches Ausstrecken der Beine wird durch umgehendes Erwachen auf Grund schmerzender Knie bestraft. Samra lässt sich von unserer Schlafakrobatik nicht stören, irgendwo zwischen unseren Füßen ist immer ein Plätzchen zu finden.
8.Tag Samstag, 7.8.2004 Clausberg - Wartburg - Clausberg
Um 7.30 Uhr erwachen wir mit dem Gedanken, heute endlich die Wartburg zu erreichen. Während die Pferde Heu und Hafer fressen, erfreuen wir uns an dem von Frau Stosch liebevoll zubereiteten Frühstück mit Brötchen, Brot, Eiern und Orangensaft. In aller Ruhe ordnen wir unser Gepäck, gehen eine kleine Runde mit Samra und reiten erst gegen elf Uhr los zur Wartburg. Die Karte brauchen wir kaum, denn die Wegbeschreibung "immer auf dem Rennsteig bleiben, über die Wilde Sau und dann über die Sängerwiese" erscheint uns nachvollziehbar. Samra darf sich heute ausruhen und bleibt zurück, um auf unsere Sachen aufzupassen.


Auf traumhaften, schattigen Waldwegen gelangen wir zum Rennsteig. Begeistert vom Gelände lassen wir die Pferde lange Strecken traben. Als wir nach einer knappen Stunde einen Radfahrer treffen und ihn nach der Sängerwiese fragen, schmunzelt er. Da haben wir uns vor lauter Freude doch glatt zu früh nach links gehalten und sind vom richtigen Weg abgekommen. Der Radler ist selbst auf dem Weg zur Sängerwiese und schlägt uns vor, ihm einfach zu folgen. Bergab ist er ganz klar im Vorteil, bergauf sind unsere Pferde die Schnelleren und so holen wir rasch wieder auf. An der Sängerwiese finden wir einen Wegweiser zur Wartburg, es sind nur noch 1,4km.

Der Weg wird immer schmaler und felsiger, sodass wir beschließen, den Rest zu Fuß zu gehen. Bevor sich der letzte Teil der Strecke als schmaler Pfad in Serpentinen den Berg hinauf windet, müssen wir einige Felsenstufen und Betontreffen hinunter und direkt dahinter scharf links abbiegen. Schritt für Schritt lassen sich unsere Pferde dirigieren, sogar Anhalten auf der Treppe für ein Foto ist möglich. Immer wieder begegnen uns Fußgänger. An jedem Wendepunkt des Weges halten wir an, um sie passieren zu lassen bevor wir weitergehen.

Endlich haben wir die Mauern der Wartburg erreicht. Ein junges Paar wird zum Fotografenteam erkoren und wir stellen uns mit den Pferden vor der Burgmauer auf. Ob wir die nun folgenden 4 Steinstufen und den engen Durchgang dahinter auch noch schaffen? Wir überlegen, dass es wohl besser ist, erst einmal ohne Pferde nachzuschauen. Als ich durch den Engpass trete bin ich froh, dass die Pferde dort stehen, wo sie stehen. Hier ist auf Grund der vielen engen und steilen Stufen inmitten unzähliger Wartburgbesucher nun wirklich Schluss für unsere beiden Wanderpferde.

Als ich zu den Pferden zurückkehre, fragt mich ein Familienvater, ob wir hier herauf geritten sind. Ich erkläre, dass wir das letzte Stück geführt haben, um die Pferde zu schonen. "Na, dann sind wir ja jetzt dran mit Runterreiten!" beschließt er und greift nach den Zügeln meines Schimmels. Etwas ungläubig schaue ich ihn an und muss erstmal Luft holen. Dann erkläre ich ihm geduldig, dass es sich hier keinesfalls um eine Touristenattraktion handelt sondern um einen privaten Wanderritt. Brummelnd schart er seine Familie um sich und geht weiter. Kopfschüttelnd und grinsend machen wir uns an den Abstieg. Nachdem wir die Stufen hinter uns gebracht haben, steigen wir wieder auf und reiten nun auf dem direkten Weg zurück nach Clausberg.
Auf der Terrasse des Ausflugslokals sitzt auch schon Peter, der Samra aus ihrem Schönheitsschlaf geweckt hat und nun auf uns wartet. Er freut sich, dass wir ohne Schaden unser Ziel erreicht haben und räumt unsere Packtaschen schon in das Appartement, welches wir für die kommende Nacht gebucht haben. Wir satteln die Pferde ab und machen uns frisch, um nun gemeinsam mit Peter die Wartburg zu besuchen.
Wir bekommen noch Karten für die letzte Führung an diesem Tag und lassen uns zurückversetzen in vergangene Jahrhunderte. Fasziniert von der Schönheit der Wartburg stellen wir einstimmig fest, dass dies ein lohnendes Ziel für den Wanderritt war. Zum Abendessen fahren wir nach Eisenach rein. Wir essen, bummelnd noch ein wenig durch die Innenstadt und sehen uns das Luther-Haus und das Geburtshaus des Komponisten Johann Sebastian Bach von außen an. Für eine Besichtigung sind wir leider schon viel zu spät.
Bevor es dunkel wird, wollen wir noch einen Blick in die Drachenschlucht werfen, die wir auf der topographischen Landkarte entdeckt haben. Die dichten Höhenlinien hielten uns davon ab, den Versuch zu wagen, mit den Pferden hineinzureiten. Wir parken am unteren Ende des Weges, der durch die Drachenschlucht führt. Peter hat nach 5 Minuten keine Lust mehr und dreht um, während wir trotz hereinbrechender Dunkelheit noch weiter gehen. Der Weg führt an einem Flüsschen entlang, wird immer schmaler und verschwindet schließlich zwischen hohen Felswänden. Auf Rundhölzern, die als Steg über dem Fluss zwischen die Felsen geklemmt wurden, gehen wir vorsichtig weiter. Als wir um eine Ecke biegen, blickt uns ein dunkles Loch im Felsen an. Hier ist es nun an der Zeit, schleunigst umzukehren. Auch als Erwachsener kann man sich noch ordentlich gruseln, wenn es fast dunkel ist und man nicht weiß, wer oder was da wohl in der Höhle sitzt. Tatsächlich drehen wir uns auf dem Rückweg zum Auto nicht ein einziges Mal nach hinten um, brechen dafür aber mit Sicherheit jeden Rekord im schnellen Gehen!
Im Dunkeln kehren wir zurück nach Clausberg und sitzen dort noch bis weit nach Mitternacht mit den Bewohnern des Hofes in geselliger Runde zusammen.
9.Tag Sonntag, 8.8.2004 Clausberg - Hellenhahn
Wir stehen früh auf, um vor der Abreise mit den Pferden noch einmal hinunter zu Drachenschlucht zu fahren und das Geheimnis der Höhle zu lüften. Im goldenen Licht der Morgensonne erscheint die Drachenschlucht wie ein verzauberter Märchenwald, von gruseliger Atmosphäre keine Spur! Zu dritt spazieren wir vom Anfang bis zum Ende, klettern durch enge Felspassagen und freuen uns darüber, dass wir nicht zu Pferd versucht haben, die Drachenschlucht zu durchreiten. Dies wäre nämlich bedingt durch die Enge und die schmalen Stege aus Rundhölzern selbst mit einem Mini-Shetty kaum vorstellbar. Sogar ein uns entgegen kommender Schäferhund hat seine Probleme mit dem schwierigen Untergrund. Unsere Samra liegt während unseres morgendlichen Ausfluges noch in süßen Träumen.

Um elf Uhr packen wir das Auto, kuppeln den Hänger an und bezahlen die Unterkunft. Die Pferde scheinen zu ahnen, dass es heute zurück nach Hause geht. In wenigen Minuten stehen beide im Hänger und warten geduldig darauf, dass es losgeht.
Während der dreieinhalbstündigen Heimfahrt erkennen wir viele Punkte wieder und fast an jeder Autobahnausfahrt kommt uns ein Ortsname ziemlich bekannt vor. Zu Hause angekommen wälzen sich beide Pferde glücklich und zufrieden auf dem Round Pen und schreiten erst einmal ihre Koppel ab - als könnten sie es nicht glauben, wieder daheim zu sein.
Wir machen uns gleich daran, das Sattelzeug zu reinigen und die Packtaschen zu leeren. Etwa zwei Stunden haben wir Zeit, denn anschließend hat sich unser Heulieferant angesagt. Zweieinhalb Wagenladungen später sind wir wirklich am Ende - unseres Urlaubs und unserer körperlichen Kräfte. Tanja muss noch eine gute Stunde bis nach Hause fahren, während ich schon wieder unter der Dusche stehe und mich auf mein eigenes Bett freue.

Übrigens, wenn ihr selbst Wanderreiter seid und genauere Informationen über die Strecke haben wollt, schreibt mir einfach eine Email an SusanneTG@aol.com. Auch Informationen zur genauen Ausrüstung und eine Packliste aller Dinge, die sich im Laufe der Jahre als sinnvoll und notwendig auf einem Wanderritt ohne Trossfahrzeug erwiesen haben, gebe ich gerne weiter. Und last but not least bin ich jederzeit Ansprechpartner zum Thema Hufschuhe, besonders Easyboots, da meine Pferde seit nunmehr fast fünf Jahren damit unterwegs sind.