Am 21.September kamen Susanne, Peter und Tanja (eine Freundin von Susanne, die meine Mama heiß und innig liebt) schon ganz früh morgens auf die Weide und holten uns in den Paddock. Merkwürdig, wo sie doch sonst eher zum Ausschlafen neigten... Obwohl es noch dämmrig war, banden sie uns an den Bäumen an und striegelten uns, dass sie Staubwolken nur so flogen. Tsetsetse, so ein Stress am frühen Morgen!
Anschließend folgte die gleiche Prozedur, die ich in den letzten Wochen schon mehrere Male erleben durfte. Susanne führte Mama von mir weg zu einem kleinen grauen Stall auf Rädern, der an einem Auto angebunden war. Mama stieg ein und ich hörte sie schon kauen - in diesem winzigen Stall gab es nämlich immer was zu futtern! Natürlich wollte ich schnellstens hinterher! Da kam Susanne auch schon, legte mir mein Halfter an und führte auch mich über die klappernde Rampe in den Mini-Stall. Hmm, leckeres Futter wartete dort auf mich! Gleich würde es wahrscheinlich wieder rumpeln und schaukeln und laut brummen, damit wir kurze Zeit später wieder auf die Weide gehen konnten. Das Spiel kannte ich nun schon. Merkwürdige Ideen haben die Menschen, um sich die Zeit zu vertreiben. Aber was soll's, solange es dabei was zu Futtern gab und Mama bei mir war, konnte das ja nicht so schlimm sein.
Tatsächlich, Peter klappte die Stalltür hoch und Susanne kletterte aus der kleinen Tür vor uns. Und es begann zu rumpeln und zu schaukeln. Wusste ich's doch!
Nach einiger Zeit sah ich Mama fragend an. Das dauerte heute aber ganz schön lange. Und zwischendurch hörte ich noch viele andere Autos neben oder hinter uns, konnte sie aber nicht sehen. Ich döste ein bisschen vor mich hin, anscheinend war das eine Geduldsprobe für uns Pferde. Nun denn....
Endlich, nach einer Ewigkeit wie es mir schien, hörte das Geschaukel auf und Susanne kletterte wieder zu uns hinein. Sie freute sich, dass wir so brav und ruhig gestanden hatten - idiotisch, was hätten wir in diesem engen Stall auch anderes machen sollen? - und gab uns jedem eine Möhre. Peter öffnete die hintere Tür und machte die Stange auf, die hinter meinem Pferdepo den Weg versperrt hatte. Susanne schickte mich raus, und Tanja nahm mich dort in Empfang. Aber halt! Das war ja gar nicht unser Hof! Nanu? Wo war der Stall? Und wo hatte sich Titan versteckt? Hääääää? Was machten denn die vielen anderen Pferde hier?
Endlich durfte auch Mama aussteigen. Auch sie schaute sich fragend um. Jetzt wurde mir klar: dieser winzige Stall war gar kein Stall, sondern eine Zauberkiste! Menschen konnten ihre Pferde damit von zu Hause wegzaubern. Irgendwie sind sie doch manchmal seltsam, diese Zweibeiner. Susanne und Tanja führten uns auf einen fremden Hof mit vielen bunten Pferden und suchten nach einer Frau, die ihnen einen Stall zeigen sollte. Überall liefen Menschen aufgeregt herum und ich sah noch viele andere Zauberkisten, aus denen plötzlich verwunderte Pferde ausstiegen. Eines jedoch hatten diese Pferde alle gemeinsam: sie waren gescheckt! Nur Mama und ich waren einfarbig, was sollte das bloß bedeuten???
Zwischenzeitlich hatte Susanne die Frau gefunden, die uns einen Stall und eine Box zeigte. Toll! Schön groß und mit ganz viel Heu und Stroh! Da wollte ich nun erstmal ordentlich frühstücken und ein Schläfchen halten! Unsere Menschen ließen uns auch allein, nachdem sie noch einen Eimer mit Wasser in die Box gestellt hatten. Doch schon nach kurzer Zeit kamen sie aufgeregt zurück. Mama bekam ein schickes Lederzeug um den Kopf und ich mein Halfter, danach wurden wir nochmal gestriegelt. Moment mal, ZWEIMAL an einem Tag? Schließlich wischte Susanne unser Fell sogar noch mit einem feuchten Tuch ab. Mama glänzte nun richtig schön. Sogar die Hufe wurden mit dem feuchten Tuch poliert. Seltsam, seltsam...
Tanja ging mit Mama voran, während Susanne Mühe hatte, mich dahinter zu halten. Ich wollte doch als Erste schauen, wohin unser Weg nun führte! Vor dem Stall waren jetzt noch mehr Menschen, die eine Gasse bildeten, als wir kamen. Waren die etwa wegen uns hier? Wir gingen auf eine kleine Wiese, dsa Tor hinter uns wurde geschlossen. Auf einer Seite der Wiese stand ein Tisch mit Blumen, dahinter standen drei Menschen, die eifrig die Köpfe zusammensteckten und mit ihren Papieren raschelten. Aus zwei schwarzen Kisten rechts und links kam erst Musik, doch plötzlich fingen diese Kisten an zu sprechen. Susanne und Tanja wirkten ein bisschen nervös. Naja, ich kann's verstehen, so ganz geheuer waren mir diese sprechenden schwarzen Kisten auch nicht.
Auf einmal begann Tanja, Mama über die Wiese zu führen. Susanne wollte mit mir hinterher gehen, aber ich hatte noch gar keine Lust, diese interessanten Kisten zu verlassen. Musste doch erstmal rauskriegen, warum die sprechen konnten! Abe rmeine Chefin zupfte unermüdlich am Führstrick. Als ich zu Mama schaute, war sie schon ziemlich weit weg. Zu Hause wäre das ja kein Problem, aber hier in der Fremde? Nichts wie hinterher, dachte ich mir und brachte Susanne zum Rennen. Dass Menschen aber auch so kurze Beine haben und nur traben können! Ich galoppierte fröhlich zu meiner Mama und machte noch einen kleinen Freudenbuckler, als ich sie erreichte. Susanne schimpfte und fluchte und schien ein bisschen außer Atem. Menschen! Da sag ich jetzt nichts mehr zu!
So ging das noch ein paar Runden, im Schritt, im Trab, und ab und zu kamen wieder Stimmen aus den schwarzen Kisten. Schließlich durften wir frei herumlaufen. Prima, hier wuchs nämlich sehr lecker aussehendes Gras auf der Wiese! Zwar etwas kurz, aber sehr saftig! Kaum hatte ich ein Maul voll gerupft, scheuchten Tanja und Susanne mich fort. Auch Mama wurde ständig gejagt. Verärgert über die Störung galoppierten wir ein paar Runden.
Schließlich mussten wir uns vor den Menschen am Tisch hinstellen und sie gingen mit prüfenden Blicken um Mama herum. Dabei schrieben sie auf ihre Blätter und redeten miteinander. "Vorhand" und "Gebäude" und "Kopf" und "Schulter" und was weiß ich nicht noch alles, aber meine Mama ist doch auch ein Pferd, und kein Gebäude! Und Hände hat sie auch nicht!
Endlich wurden wir wieder in die Box gebracht, wo das leckere Heu lag. Doch die Pause währte nicht lang, Tanja und Susanne holten uns schon wieder auf diese kleine Weide, auf der man nicht fressen durfte. Nun waren außer uns auch noch andere Pferde dort. Wir mussten uns der Reihe nach aufstellen und eine Frau kam und steckte meiner Mama so ein flatterndes Teil an die Trense. Tanja bekam einen kleinen Blumenstrauß in die Hand gedrückt.
Das war ja nett! Und anschließend war tatsächlich eine Pause für uns geplant. Wir durften in unsere Box und ich legte mich erschöpft ins Stroh. Ganz schön aufregend, so ein Tag in der Fremde und mit vielen Pferden. In der Stallgasse wurde immer wieder Pferde geputzt und hinausgeführt, anscheinend mussten heute alle mal eine Runde über die kleine Wiese laufen und sich die sprechenden schwarzen Kisten ansehen. Während ich noch darüber nachdachte, schlief ich ein und träumte von bunten Pferden.
Gegen Mittag standen Susanne und Tanja plötzlich wieder mit Bürste und feuchtem Tuch in unserer Box. Schon wieder!!! Fell bürsten, Hufe polieren, Gesicht abstauben...diese Prozedur kannte ich ja nun schon. Aber was war das? Als Susanne mir mein Halfter überstreifte, waren so komische große weiße Platten an den Seiten befestigt. Bäh, die störten mich aber und pieksten im Gesicht! Wütend schüttelte ich den Kopf, um diese Teile loszuwerden. Meine Menschen lachten und meinten, dass ich ohne Startnummer aber nicht rausgehen darf. Das kam mir zwar alles sehr spanisch vor, aber sie mussten ja wissen, was sie taten.
Sicher ahnt ihr es schon, wie wurden mal wieder auf diese kleine Wiese gebracht. Eine Runde nach der anderen im Schritt und im Trab, wie laaaangweilig! Zur Auflockerung der Veranstaltung machte ich ein paar Bocksprünge. Die Menschen hinter dem Zaun lachten, aber Susanne schimpfte leise mit mir. War das mein Problem, wenn sie unbedingt am Strick neben mir laufen wollte??? Als hätten sie es geahnt, dass ich lieber frei laufen würde, baten die Richter darum, das Fohlen loszulassen. Prima, damit war ich gemeint! Susanne löste den Strick und ich düste erstmal wild buckelnd im Kreis. Danach beschloss ich, mir den Tisch und die sprechenden Kisten mal näher anzuschauen. Mit erhobenem Haupt trabte ich auf die Richter zu und.... uuups! Beinahe hätte ich nicht rechtzeitig bremsen können! So stand ich aber doch noch VOR ihrem Tisch und schupperte an den Blumen, die darauf standen. Aber halt, wo waren denn Mama, Susanne und Tanja? Schnell wieder zurück zur Familie, dachte ich, und machte auf den Hinterbeinen kehrt. Das Publikum lachte schon wieder. Ich fand das hier gar nicht lustig und wollte erstmal einen Schluck Milch. Prost!
Nachher brachten unsere Menschen uns nicht in die Box sondern blieben mit uns am Rande der Wiese stehen. Es hätte sich auch nicht gelohnt, denn wir mussten schon wieder rein ins Viereck. Wieder kam jemand mit Blumen und Schleifen. Huch, der kam ja zu mir! Ehe ich etwas einwenden konnte, hatte ich ein flatterndes Ding am Halfter hängen und Susanne ein Blümchen in der Hand. Ob man das essen konnte? Grad als ich probieren wollte, baten die Richter um eine Ehrenrunde. Susanne forderte mich zum Traben auf. Cool, ich durfte als Erste laufen! Diesmal klatschten die Menschen hinter dem Zaun sehr laut, das machte einen enormen Krach und ich buckelte und keilte vor Ärger über diesen Lärm ein wenig aus, was Susanne wiederum zum Schimpfen veranlasste während die Zuschauer einmal mehr lachten. Versteh doch einer diese Menschen!
Nun durften wir aber wieder in unsere Box. Tanja, Susanne und Peter wollten gemeinsam mit anderen Menschen etwas essen und sich die restlichen Pferde ansehen. Es wäre ja auch zu schön gewesen, wenn wir mal länger als eine Stunde unsere Ruhe gehabt hätten. Wieder wurden wir aufgehalftert und auf die kleine Wiese geführt. Susanne schien sehr froh zu sein und mehr neben mir zu schweben als zu gehen. Total abgedreht, diese Menschen! Eben hatte sie doch ncoh mit mir geschimpft! Mal schauen, was jetzt wieder los war....
Es waren wieder mehrere Pferde mit uns auf der Wiese. Aha, es sollten nun die Zuchtschausieger vorgestellt werden. Na, da war ich mächtig gespannt, welches Pferd denn hier das beste war. Eine zweijährige bunte Stute kam auf den ersten Platz. Die sah aber auch wirklich toll aus! Ob ich auch mal so groß und schön werde? Auf den zweiten Platz wurde das einzige einfarbige Fohlen dieser Pintoschau gestellt. Hey Moment mal!?! Einfarbig war hier nur ich! Während mir dieses Licht aufging, stellte Susanne mich schon an zweiter Stelle auf und bekam einen Pokal in die Hand gedrückt. Nee, das konnte doch wohl nicht wahr sein! Nach uns kam noch ein gescheckter Hengst. Als wäre der Titel "1.Reservesieger" noch nicht genug, bekam ich auch noch einen Preis für das beste Stutfohlen. Wie sollten wir den ganzen Kram ohne Satteltaschen mit nach Hause schleppen?
Nach einer weitern Ehrenrunde wurden wir mit donnerndem Applaus verabschiedet. Auf dem Hof standen nun alle Fohlen und warteten auf etwas. Auch ich musste warten. Autsch! Was war das denn? Da hatte sich doch glatt jemand angeschlichen und mich mit einer Spritze in den Hals gepiekst! Frechheit! Während ich Trost bei Mama suchte, zwackte es plötzlich schrecklich auf meiner linken Hinterbacke. Feuer! Heiß! Das brennt was, das stank ganz fürchterlich! So ein Typ hatte mir mit einem langen Eisenstab das Fell verbrannt. Da mussten meine Menschen nun aber mal eingreifen! Aber nein, im Gegenteil, sie freuten sich und lobten mich. Das soll mal ein normales Pferd verstehen.
Dies war nun endgültig der letzte merkwürdige Zwischenfall an diesem Tag. Gemeinsam gingen wir zu unserem Zauberstall, um darin noch ein Maul voll Hafer zu fressen. Und vielleicht würde uns dieser Zauberkasten ja auch wieder nach Hause bringen...

Anmerkung der Verfasserin: Ich habe noch niemals zwei Pferde derartig schnell in einen Hänger einsteigen sehen. Stutie und Sunlight schienen nur eines zu denken: NICHTS WIE HEIM!